Welt mit Zukunft - Förderung der Potentiale von Kindern als Schlüsselfrage
Prof. Dr. Dr. Franz Josef RadermacherDirektor FAW/n, Präsident BWA, Mitglied Club of Rome
- Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz (Ulm)
- Leiter des Forschungsinstitutes für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (Ulm)
- Promotion in Mathematik (Aachen) und Wirtschaftswissenschaften (Karlsruhe)
- Habitilation in Mathematik an der RWTH Aachen
- Mitinitiator der Global Marshall Plan Initiative
- Stellv. Vorsitzender des Ökosozialen Forums Europa
- Mitglied im Deutschen Nationalkomittee der UNESCO für die Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung"
- Mitglied des Club of Rome
- Wissenschaftlicher Beirat in vielen weiteren Kommissionen und politischen Gremien
"Eine bessere Welt ist möglich , in der alle Kinder die in ihnen liegenden Potentiale entwickeln."
4. Oktober 2007
18:00 Uhr Aperitif und Gespräche
19:00 Uhr Vortrag und Diskussion
Veranstaltungsort: Lodge am Opel-Zoo
Königsteiner Straße 35, 61476 Kronberg, an der B 455 zwischen Kronberg und Königstein
Mitschrift des Vortrags im Königsteiner Salon, 04.10.2007
1. Teil - Bildung als Basis zur Entfaltung der Potentiale des Menschen
Prof. Dr. Dr. Radermacher stellte zu Beginn seines Vortrags zunächst seinen an die Aufklärung angelehnten Bildungsbegriff vor. Danach bedeutet Bildung allgemein: Etwas wissen vom Wissen der Menschheit, wobei mit diesem Wissen zugleich Macht verbunden ist. Den systemischen Zusammenhang von Bildung, Wissen und ‚Macht’ verdeutlichte er durch eine fiktive Zeitreise in die letzten 50.000 Jahre der Menschheit. Das Phänomen der Menschheit ist nämlich, dass die Weltbevölkerung durch ständiges Wachstum inzwischen mindestens um den Faktor 1.000 über dem Niveau liegt, das normale Tiere als ‚Herden’ an Populationsstärke erreichen. Gibt es also ein ‚Gesetz’ hinter dem kontinuierlichen Wachstum der Menschheit? Prof. Dr. Dr. Radermacher sieht dieses Gesetz in einem Verständnis der Menschheit als System, als sogen. Superorganismus, der sich durch folgende Fähigkeiten auszeichnet:
- Innovationsfähigkeit: Hierdurch wird Neues in die Welt gebracht, und zwar nicht singulär, sondern ‚systematisch’ (wie z.B. das Feuer).
- Kommunikationsfähigkeit: Die Innovationen werden durch Kommunikation allen als ‚Wissen’ bereitgestellt.
- Kooperationsfähigkeit: Unterstützt wird dieses Verhalten durch die Fähigkeit des Menschen zur Kooperation, nicht nur zur Konkurrenz.
Die Kooperationsfähigkeit - kombiniert mit der Innovationsfähigkeit und der Kommunikationsfähigkeit - der Menschen führt nach Prof. Dr. Dr. Radermacher durch wechselseitige Verstärkung zur Fähigkeit der Menschheit insgesamt, ein bislang ständiges Wachstum der Zahl der Menschen zu erreichen. Dies ist bei keinem anderen Lebewesen der Erde in dieser Weise so zu beobachten. Historisch gesehen ist daher z.B. ein Feudalstaat einem modernen Nationalstaat schon alleine strukturell unterlegen, weil die potentiell verfügbaren Wissensbestände nicht allen zur Verfügung stehen und somit das Gemeinwesen unter seinen Entwicklungsmöglichkeiten bleibt. Das potentiell höhere Niveau des Nationalstaates kann jedoch nur dann erreicht werden, wenn dieser es auch der breiten Bevölkerung ermöglicht, die vorhandenen Wissensbestände durch Bildung für alle im täglichen Leben einzusetzen und wirksam werden zu lassen. Im Endeffekt wird dadurch das Wohlfahrtsniveau des Gesamtsystems angehoben.
Ganz aktuell wird dieser Gedankengang bei globalen Themen wie z.B. den Klimagasen, denen sich auch Eliten nicht mehr entziehen können. Dieses Thema geht vielmehr alle an. Im Interesse des Gesamtsystems wäre es hierbei, sich zu verständigen auf gemeinsames Handeln zum Schutz der Biosphäre. Und dies wiederum kann umso effektiver erfolgen, je mehr auch die breite Bevölkerung durch Bildung zunächst ein Problembewußtsein erlangt und dann auch Entfaltungschancen zu umweltfreundlichem Handeln bekommt.
2. Teil: Entwicklungspfade
Prof. Dr. Dr. Radermacher skizzierte nun zwei generelle Entwicklungspfade für Gesellschaften, den sozialistischen Pfad, den er jedoch als historisch überlebt einschätzte, und den Potentialentfaltungs-Pfad. Dem Potentialentfaltungs Pfad liegen folgende Annahmen zugrunde: Alle Menschen sind unterschiedlich, mit verschiedenen Potentialen, die sie gemäß ihren individuellen Profilen entwickeln sollen. Dies führt empirisch zu einem höheren Niveau, allerdings mit ungleicher Verteilung. Den Potentialentfaltungspfad gibt es daher weltweit in 2 groben Ausprägungen:
1. Soziale Demokratien wie z.B. innerhalb der EU oder Japan oder
2. ‚Formale Demokratien’ wie z.B. Brasilien oder Südafrika.
- Ein Indikator für die Klassifizierung einer Gesellschaft in eine dieser Ausprägungen ist die Verteilung des Reichtums in einer Volkswirtschaft.
Sozialstische Gesellschaften: 80% der Bevölkerung kontrollieren mehr als ca. 65% des Volksvermögens - Soziale Demokratien: 80% der Bevölkerung kontrollieren zwischen ca. 48% - ca. 65% des Volksvermögens
- Formale Demokratien bzw. andere (autoritäre) Gesellschaftsformen: 80% der Bevölkerung kontrollieren weniger als ca. 48% des Volksvermögens (in Südafrika: z.B. 30%). Die hohe Konzentration der Kontrolle des Volksvermögens ist zugleich ein Indikator eines Bildungsproblems: das Wissen der Gesellschaft ist so ungleich verteilt, dass die Volkswirtschaft insgesamt unter ihren Möglichkeiten bleibt und die Masse der Bevölkerung ihre Bildungsrechte nur unzureichend wahrnimmt bzw. daran gehindert wird.
Die politischen und ethischen Fragen für die Zukunft der Menschheit sind nach Prof. Dr. Dr. Radermacher eng verbunden: Gibt es ein (Zukunfts)modell, das die globale Zusammenarbeit so organisiert wie in Europa, wo die Bürger ihre formalen Partizipations- und Bildungsrechte auch wahrnehmen? Wollen wir eine Art globaler Weltdemokratie, wo jeder nicht nur nicht verhungert, sondern durch Bildung auf ein Niveau gebracht wird, dass er seine Rechte wahrnehmen kann. Dies wäre die Vorzugsvariante, weil sie das Wohlstandsniveau des Gesamtsystems maximiert. Oder steuern wir global auf eine Entwicklung wie in Brasilien zu, bei der zwar die Meisten nicht verhungern, aber eine weitere Entfaltung ihrer Potentiale nicht möglich ist. Das Gesamtsystem würde unter seinen Möglichkeiten bleiben, wobei es auch hier ein sehr reiche, sehr gebildete Elite gäbe.
Anders gefragt: Wenn das Denkmodell der Potentialentfaltung nach dem Vorbild der ‚sozialen Demokratie’ so überzeugend ist, warum ist die globale Umsetzung so schwierig? Wo liegt das Problem? Das Problem ist vor allem ein Bewußtseinswandel bei den Vermögenden und bei den Eliten. Sie würden zwar absolut die Reicheren bleiben, jedoch relativ ärmer werden, weil die Massen mehr von ihren Potentialen entfalten. Das Problem ist also weniger, dass der Reiche arm wird, sondern dass der Arme reicher wird. Das Gesamtsystem würde dabei insgesamt reicher und vielfältiger, aber der relative Reichtumsvorsprung der Reichen würde geringer.
3. Teil: Handlungspoption ‚Global Marshall Plan’ – Bildung, Gesundheitsfürsorge und Alterssicherung für alle:
Im Global Marshall Plan wird nun der Versuch gemacht, die Entwicklung hin zu einer sozialen Demokratie einzufordern für allgemein akzeptierte Ziele, zunächst für die Milleniumsziele der UNO. Im Interesse der Wohlstandsmaximierung für das Gesamtsystem können dabei Defizite der Breitenbildung nicht durch Extraleistungen und Eliteförderung für Wenige ausgeglichen werden.
Es ist vielmehr ein Wertewandel ist erforderlich, der die Bereitschaft der ‚Vermögenden’ (materiell und bildungsmäßig) in einer Gesellschaft erfordert, die weniger Vermögenden näher an sich heranzulassen. Sonst droht ein positiver Teufelskreis, bei dem die Erfolgreichen immer noch erfolgreicher werden. Und für die breite Masse drohe dann das Phänomen einer ‚Brasilianisierung’, wie sie in Ansätzen auch im Europa der EU bereits zu erkennen sei.
Bei ökologischen Problemen könnte der Wertewandel nach Ansicht von Prof. Dr. Dr. Radermacher jedoch gut gelingen, weil sich auch die Vermögenderen den ökologischen Problemen kaum entziehen können. Prof. Dr. Dr. Radermacher schlägt dabei für die vorzunehmenden Investitionen vor, sowohl ins Bildungssystem wie ins Gesundheitssystem und schließlich ins Alterssystem zu investieren.
Im Bildungssystem ist dabei ein breiter Bildungsbegriff zu vermitteln, der das nicht-sprachliche / bildhafte, emotionale und körperliche mit einschließt. Voraussetzung hierbei ist, den Körper selbst fit zu halten als Basis für jede Fähigkeit, glücklich zu sein und als Instrument der Begegnung mit der Welt.
Außerdem sollte der Bildungsbegriff die Verstärkung der (ausgleichenden) Entfaltung aller Potentiale beinhalten. Denn das Gehirn und das Leben sind vielfältig. So erholt sich das Gehirn auch oft durch den Wechsel und in der Welt ist fast alles miteinander vernetzt. Dies ist besonders bei der Bildung von Kindern zu beachten, für die ein breiter, vielschichtiger Bildungsbegriff zu bewahren sei, der nicht nur auf Konkurrenz und Leistung vorbereiten sollte. Ausdrücklich sollte dabei auch die Bilderebene adressiert werden, denn Bilder sind nach Ansicht von Prof. Dr. Dr. Radermacher die stärksten Orientierungshilfen überhaupt. Ein positives Beispiel für ein solches Bild ist beispielsweise der ‚ökologische Fußabdruck’. Wer die Bilder (noch vor der Sprache) bestimmt, bestimmt die großen Entwicklungsrichtungen des Systems Menschheit. Angesichts der globalen Herausforderungen ist damit (umfassende) Bildung vor allem der Kinder in der Welt der Hebel, dass das System Menschheit weiterhin so erfolgreich überleben kann wie bisher.

